Donnerstag, 12. November 2009

Das ernste Mädchen und der Junge ohne Arm.

Das Mädchen hat schon einmal diese Gruppe besucht. Sie musste vor einem Jahr umziehen. Nun ist sie wieder zurückgezogen. Der Grund dafür war dessen kranke Mutter, doch ihr geht es schon besser. Es spielt oft allein und in letzter Zeit häufig mit einem Jungen ungefähr in ihrem Alter, der eine Abschnürung am linken Unterarm hat. Sie redet nicht viel, aber schaut oft aus dem Fenster und malt und sammelt Blätter. Am liebsten hat sie rote Ahornblätter. „Diese neue Vorliebe… sie scheint fasziniert zu sein vom Herbst“, stellte ihre Mutter überrascht fest. Der Junge spielt oft auf dem Auto-Teppich mit einem kleinen, zerkratzten Metallauto. Er lacht oft mit sich selbst und kann sich so lange Zeit alleine beschäftigen. Beide fragen die Bezugspersonen sehr viel. 
Warum fallen Blätter runter? Warum werden Blätter bunt? Warum gibt es Jahreszeiten? 
Warum schlafen wir? Warum haben wir nicht Wände aus Glas? Warum haben Tiere Fell?
In einer Bastelstunde hat sie ganz viele Blätter laminiert. Der Junge hat ihr misstrauisch zugeschaut. „Das ist doch langweilig! Warum machst du das?“ frage er schließlich empört. „Damit sie nicht kaputt gehen. Tut dir dein Arm weh?“ „Nein.“ „Wie fühlt sich das an mit einem Arm?“ „Wie schon? Ich hab doch einen zweiten!“ gab er lachend zurück. Er hatte einen Unfall vor einem halben Jahr, ist von einem Baum gefallen und der Arm hat sich entzündet. Zu spät merkten die Ärzte die Ernsthaftigkeit dieses Sturzes. Der Unterarm musste amputiert werden. Sie konnten sich nicht erklären, wie das möglich war in einer Zeit, in der solche Brüche Routine in den Operationssälen sind. Das Mädchen starrte ihn an. „Willst du noch mehr Blätter sammeln?“ „Ja.“ „Darf ich dir helfen?“ „Und wie willst du sie sammeln?“ „Mit einem Beutel natürlich, womit denn sonst?“ Sie zogen sich an, er nahm einen Beutel und sie tat es ihm gleich. Draußen siebten die weißen Wolken die goldenen Strahlen der Sonne und tauchten das Außengelände in ein milchig-träumerisches Licht. „Warum sammelt die Blätter niemand auf?“, fragte ihn das Mädchen mit einem traurigen Blick auf ihre Hände voll roter, gelber und brauner Blätter von Ahorn und anderen ihr unbekannten Bäumen. „Na, weil es im nächsten Jahr wieder neue gibt.“ „Und wenn nächstes Jahr alle Blätter oben bleiben?“ Er guckte sie strinrunzelnd an. „Wenn die Bäume krank werden und keine Blätter mehr fallen?“, beharrte sie. „Aber Bäume werden doch nicht krank…!“ lachte er wissend. „Früher hättest du auch nicht gesagt, dass man beim Klettern den Arm verlieren kann.“ Er schaute nachdenklich auf seinen Verband. „Ja, das stimmt.“ Er trottete auf einen kleinen Ast zu, hob ihn auf und betrachtete ihn sorgfältig. „Aber Bäumen wachsen Äste nach, wenn sie sie verlieren. Und sie kriegen neue grüne Blätter im nächsten Jahr. Mir wächst vielleicht kein neuer Arm, aber den brauch ich auch gar nicht. Mir wachsen ja keine Blätter!“, grinste er sie an. Er glaubte auch auf ihren Lippen ein Lächeln vorbei-huschen zu sehen.

2 Kommentare:

  1. ...eine sehr gute Geschichte mit Tiefgang, mit allerhand Vergleichen, zum lange Nachdenken...

    LG, Rachel

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  2. Danke dir. Schön, dass sie gefällt.

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